17.01.2008 - Tanz gegen Jugendverrohung
17.01.2008, MOPO
IRINELL RUF BEKÄMPFT JUGENDGEWALT
Tanzen gegen die Wut
Künstlerin (45) arbeitet mit Kindern in sozialen Brennpunkten / Unterstützung vom Senat
SWANTJE DAKE
Tritte gegen den Kopf, Schläge in die Magengrube, Übergriffe mit Messern. Gewalt bekommt seit Wochen auf allen Kanälen den Zusatz "Jugend". Ein neues Phänomen? Nicht für Irinell Ruf. Die Künstlerin lässt seit Jahren Kinder tanzen statt treten.
Mit ihrem Tanztheater "Wohin mit meiner Wut?" tourt die 45-Jährige seit 2001 durch Hamburgs Schulen. Im vergangenen Jahr erhielt Ruf erstmals Gelder der Stadt durch das Programm "Lebenswerte Stadt". Damit will der Senat in sechs benachteiligten Stadtteilen die Lebenssituation verbessern. 100 Millionen sollen dafür bis 2011 ausgegeben werden.
Rufs Projekt in Wilhelmsburger Schulen hat 60000 Euro gekostet und wurde vom Senat unterstützt. Vier Tage Tanztheater stand in zwölf Klassen mit Kindern zwischen sechs und 13 Jahren auf dem Stundenplan.
"Das reißt natürlich nichts raus, wenn man jahrelang Gewalt erlebt hat", sagt Ruf. Die Kinder beginnen aber, sich selbst wahrzunehmen. "Vielen ist nicht klar, dass sie jemandem Schmerzen zufügen."
Und es geht nicht nur um körperliche Gewalt, die die Kinder und Jugendlichen ausüben. Die Künstlerin arbeitet gegen jede Form von Gewalt an: Prügel von Eltern, Mobbing, Rassismus.
Auch wenn die meisten Jugendlichen, mit denen die Künstlerin zusammenarbeitet, einen Migrationshintergrund haben, lasse sich das Problem der Jugendgewalt nicht darauf beschränken.
"Die sozialen Fragen sind dringender als die Herkunft oder die Bildung", sagt Ruf, die selbst in Tunesien, den USA und Deutschland aufgewachsen ist.
Die Roland Kochs dieser Nation, die nach härteren Strafen für jugendliche Täter schreien, mögen Rufs Ansatz als "Kuschelpädagogik" beschreiben.
Für die 45-Jährige ist Prävention schon bei den Kleinen aber die Basis. "Das, was die Kinder in ihrem Umfeld erfahren, geben sie weiter", so Ruf.
Um ihre Arbeit zu verbreiten und fortzuführen, unabhängig von Wahlkampfdebatten und aktuellen Gewaltexzessen, hat Ruf den Verein "Creartat" gegründet, der die Thematik auch wissenschaftlich betrachtet.
Ihr Ziel ist eine Akademie in Wilhelmsburg. "Realisierbar ist das nicht mit Spenden." Ruf hofft auf ein Projekt zur Internationalen Bauausstellung 2013.
