leinenlos / Demo- gegen Autokraten / Systeme / 05.03.2008 - Wissenschaftler im Dienste der Nazis



05.03.2008 - Wissenschaftler im Dienste der Nazis

05.03.2008, Abendblatt
Deutsche Forscher im Dienste der Nazis - Ausstellung an der Uni
Von Angela Grosse

Die Wissenschaft ist vom Nationalsozialismus nicht missbraucht worden.

Die große Mehrheit der Forscher wurde nicht "gleichgeschaltet", sondern engagierte sich aus freien Stücken für das NS-Regime, und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat ihre Forschung finanziert.

An dieser Erkenntnis kommt niemand vorbei, der die Exponate der Ausstellung "Wissenschaft, Planung, Vertreibung" betrachtet, die in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg aufgebaut sind.

Sie zeigt die engen Verbindungen "von akademischer Forschung und Forschungsförderung im Dienste der nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungspolitik und beleuchtet dabei insbesondere die Tätigkeit der DFG während der Zeit der Nationalsozialisten", hob Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, ehemaliger DFG-Chef, hervor, als er die Ausstellung 2006 in Bonn eröffnete.

Da waren 64 Jahre verstrichen, seitdem der Berliner Agrarwissenschaftler Konrad Meyer dem Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, eine Denkschrift übersandte, die unter der Bezeichnung "Generalplan Ost" bekannt geworden ist.

Dieser sah vor, innerhalb von 25 Jahren fünf Millionen Deutsche im annektierten Polen und im Westen der Sowjetunion anzusiedeln.

Zugleich sollten Millionen Menschen, die dort lebten, zur Zwangsarbeit gezwungen, vertrieben oder ermordet werden.

"Detailkenntnisse über den osteuropäischen Raum lieferten den Planern u. a. Agrar- und Raumforscher, Soziologen, Geografen, Historiker, Demografen und Rassenforscher", so Isabel Heinemann, Willi Oberkrome, Sabine Schleiermacher und Patrick Wagner, die die Ausstellung ausgearbeitet und den Katalog geschrieben haben.

Viele Forscher hatten dafür Geld von der DFG erhalten.

So auch der Autor des Generalplans Ost, Konrad Meyer. Er war eine der Schlüsselfiguren in der deutschen Wissenschaft. Der SS-Führer hatte acht Ämter inne, die ihm viel Macht in der deutschen Forschungslandschaft einbrachten.

Schon 1940 begann er, Wissenschaftler für seine Planungen zu rekrutieren, fertigte bis 1943 fünf Entwürfe zur gewaltsamen Umgestaltung Osteuropas an. Doch nach 1945 wusch er seine Hände in Unschuld. Die Lebenslüge von der "missbrauchten Wissenschaft" wurde geboren.

Zwar musste sich Meyer 1947/48 vor dem Nürnberger Kriegverbrechertribunal verantworten. Verurteilt wurde er aber nur für seine Mitgliedschaft in der SS.

Er verließ das Gericht als freier Mann, da ihm die Untersuchungshaft angerechnet wurde. 1956 wurde er Professor und Institutsdirektor an der Technischen Hochschule Hannover, zunächst für Landbau und Landesplanung, dann für Landesplanung und Raumforschung.

Während der fünfziger Jahre wurde Meyer wieder von der DFG gefördert, z. B. für seine Forschungen über "Veränderungen der Bodennutzung und sozialräumlichen Strukturen einer wachsenden Großstadt".

Sein Kollege Heinrich Wiepking-Jürgensmann, vor 1945 Himmlers Fachmann für die östliche Landschaftsgestaltung, baute nach dem Krieg die gartenwissenschaftliche Fakultät an der TH Hannover auf.

"Als ,Vorkämpfer für die grünen Menschenrechte', wie Lennart Bernadotte ihn 1971 nannte, erhielt er zahlreiche Ehrungen bundesdeutscher Naturschützer", so die Autoren des Katalogs.

Die Wanderausstellung ist im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Geschichte der DFG von ihren Anfängen bis etwa 1970 entstanden, das Prof. Rüdiger von Bruch von der Humboldt-Universität Berlin und Prof. Ulrich Herbert von der Uni Freiburg geleitet haben.

In fünf Arbeitsfeldern und 20 Einzelprojekten deckte die Forschergruppe die Geschichte der DFG auf. Die Ergebnisse sind eine "zutiefst unbequeme Wahrheit.

Sie kann uns nicht loslassen, sie muss uns beklemmen, uns schmerzen", sagte DFG-Präsident Matthias Kleiner, als die Forschergruppe nach siebenjähriger Arbeit Ende Januar den Abschlussbericht präsentierte.

Die DFG und die von ihr unterstützten Wissenschaftler hätten sich nach 1933 zu großen Teilen rückhaltlos in den Dienst des NS-Systems gestellt.

"Dies begann bei der Vertreibung demokratischer und jüdischer Wissenschafter aus den Universitäten und aus der DFG und erreichte seinen grausamen Höhepunkt mit den Menschenversuchen des Arztes Josef Mengele, die von der DFG mit Geldern und Apparaten gefördert wurden."