leinenlos / Demo- gegen Autokraten / Freiheit / 13.04.2008 - USA - Chip im Arm



13.04.2008 - USA - Chip im Arm

13.04.2008, ZEIT

Chip im Arm
In den USA schauen viele Arbeitgeber den Angestellten ungeniert über die Schulter

Mehr als 90 Prozent aller US-Unternehmen überwachen in irgendeiner Form ihre Mitarbeiter, so die Erkenntnis des National Workrights Institute, einer Organisation, die sich für den Schutz der Privatsphäre am Arbeitsplatz einsetzt.

»Jeder Angestellte wird damit wie ein Verdächtiger behandelt«, sagt Jeremy Gruber, der juristische Direktor des Instituts. Videoüberwachung wird routinemäßig eingesetzt – quer durch alle Branchen.

Dabei sind die Angestellten nicht einmal auf den Toiletten oder in Umkleideräumen vor der Kamera sicher.

In einer Filiale des Luxuskaufhauses Neiman Marcus im kalifornischen Newport Beach entdeckte Kelly Pendleton, die zweimal als »Mitarbeiterin des Jahres« ausgezeichnet worden war, eine versteckte Kamera im Umkleideraum der Mitarbeiterinnen.

An den Überwachungsmonitoren saßen männliche Kollegen. Videobänder mit Tausenden Stunden fanden sich bei der Spedition Consolidated Freightways. Dort waren die Kameras auf die Urinale ausgerichtet.

Vor allem bei E-Mail- und Internetnutzung schauen viele Arbeitgeber den Angestellten über die Schulter. Ausgetüftelte Spionagesoftware leitet bereits jeden Tastendruck an die firmeneigene Überwachungszentrale weiter.

Rund 66 Prozent der Unternehmen beobachten die Onlineseiten, die Mitarbeiter aufrufen, ergab eine Umfrage der American Management Association (AMA). Persönliche Interessen bleiben nicht unentdeckt.

»Wir hatten den Fall einer Mitarbeiterin, der ihr Chef zur Schwangerschaft gratulierte, nachdem sie mehrmals Internetseiten mit entsprechenden Inhalten aufgerufen hatte«, berichtet Gruber.

Zwei Frauen wurden gefeuert, weil sie Witz-Mails weitergeleitet hatten

Die Ausrüstung mancher Unternehmen kann sich mit der von Geheimdiensten messen.

Die Systeme sind so ausgefeilt, dass sie auf Stichworte anspringen – der Name des Vorgesetzten, des Konkurrenten oder Wörter, die auf sexistische, rassistische oder sonst wie bedenkliche Inhalte schließen lassen.

Heidi Arace und Norma Yetsko, zwei langjährige Mitarbeiterinnen der PNC Bank in New Jersey, wurden gefeuert, nachdem sie Witze per E-Mail an Kollegen weitergeleitet hatten.

Für Arace ein Schock: »Du bekommst eine E-Mail, kicherst und klickst auf ›weiterleiten‹ – fertig. Jeder hat das gemacht.« Bei einer Umfrage der AMA im Dezember 2007 gaben 28 Prozent der befragten Unternehmer an, schon einmal Angestellte wegen unzulässiger E-Mails gefeuert zu haben, ein Drittel hatte Mitarbeiter wegen missbräuchlicher Internetnutzung entlassen.

Der Neugier der Bosse sind in den USA kaum Grenzen gesetzt. Nur zwei der 50 Bundesstaaten haben Gesetze, die sich mit dem Thema »Privatsphäre am Arbeitsplatz« beschäftigen.

In Connecticut und Delaware müssen Arbeitgeber ihre Mitarbeiter informieren, bevor sie Überwachungen vornehmen.

Das Bespitzeln der eigenen Mitarbeiter hat seit den Terroranschlägen 2001 noch einmal deutlich zugenommen.

»Wir leben in einer Ära, in der die zunehmende Einschränkung der Bürgerfreiheiten hingenommen wird«, sagt Jay Stanley von der US-Bürgerrechtsorganisation ACLU.

Zu der rasanten Verbreitung hat auch die immer billigere Technologie beigetragen.

Waren früher die Kosten für eine umfassende Kameraüberwachung nur für große Unternehmen tragbar, können sich dank neuer Digitaltechnologie heute selbst Kleinunternehmen Betriebsspionage leisten.

Unternehmen nutzen Handys, um ihre Außendienstler zu orten

Die Arbeitgeber begründen ihre Datensammelwut mit der Angst vor Klagen – etwa wegen sexueller Belästigung – oder dem Verrat von Betriebsgeheimnissen.

»Das sind rare Ausnahmen, in vielen Fällen sind die Verstöße lediglich vorgeschoben, um den betreffenden Mitarbeiter loswerden zu können«, sagt Gruber vom National Workrights Institute.

Manche Unternehmen machen gar keinen Hehl aus ihren Ausleseverfahren.

Das Borgata Hotel Casino & Spa im Ostküstenspielerparadies Atlantic City kontrolliert bei den Kellnerinnen und Barkeepern nicht nur den Sitz der Uniform, sondern auch das Gewicht.

Wer mehr als sieben Prozent zulegt, dem droht der Verlust des Arbeitsplatzes. Die rund 200 Angestellten müssen regelmäßig auf die Waage.

Immer mehr Unternehmen nutzen neuerdings die Mobiltelefone ihrer Außendienstler dazu, deren Aufenthaltsort zu überprüfen. In den USA sind die Mobiltelefone mit einer GPS-Funktion ausgestattet, um Notrufe orten zu können. Arbeitgeber aktivieren den Chip verstärkt für ihre Zwecke.

Das Sicherheitsunternehmen CityWatcher in Cincinnati pflanzte Mitarbeitern einen Chip in den Unterarm.

Die Implantate stammen von VeriChip, einem Unternehmen, das die Technologie, die bisher vor allem bei Schlachtvieh eingesetzt wurde, erstmals beim Menschen anwendet. Der Chip im Arm der CityWatcher-Angestellten soll die Eingabe von Geheimcodes und Passwörtern ersetzen.

Nach Protesten verteidigte CityWatcher-Gründer Sean Darks in einem CNN-Interview seinen Vorstoß. »Das ist im Grunde nichts anderes als ein Schlüssel.« Zudem habe er die Mitarbeiter nicht gezwungen. »Die Teilnahme ist freiwillig«, behauptete Darks.