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03.07.2008 - Revolution im Bildungssystem

03.07.2008, ZEIT
Der kleine Bildungsriese
Von Jan-Martin Wiarda

Neulich haben die Boulevardzeitungen das IQB entdeckt. Es war der Tag, an dem das Innenministerium den Einbürgerungstest vorstellte und nebenbei dessen Entwickler erwähnte.

Von da an stand das Telefon nicht mehr still; Olaf Köller saß grinsend an seinem Laptop, klickte sich durch Batterien von Meldungen und sagte nur noch: »Erstaunlich, wirklich erstaunlich.« Denn eigentlich macht das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, dessen Chef der Psychologieprofessor ist, etwas ganz anderes. Und eigentlich, sagte Köllers Grinsen, wäre es schön gewesen, wenn das IQB dadurch bekannt geworden wäre.

Das sind die mit den Bildungsstandards, wussten ein paar Bildungsexperten zu antworten, wenn man sie vor dem Einbürgerungstest auf das IQB ansprach. Das Problem ist, dass sich die Idee, die hinter Bildungsstandards steckt, Nichtexperten nicht so leicht erklären lässt wie der Einbürgerungstest. Dabei sind sie für den Zusammenhalt der Gesellschaft, für ihre Zukunft, womöglich sogar wichtiger als die Fragen für Bewerber um die deutsche Staatsbürgerschaft. Genau aus diesem Grund hat die Kultusministerkonferenz (KMK) Köllers IQB, bislang nur eine Art Pilotprojekt, jetzt zu einer Dauereinrichtung gemacht.

Herr Köller, was sind Bildungsstandards? »Das ist doch ganz einfach«, sagt der Schulforscher mit den tiefblauen Augen und lehnt sich zurück. »Das sind Leistungsziele, die sich die Schule in den Kernfächern selbst setzt. Das IQB entwickelt dann geeignete Instrumente, um zu prüfen, ob auf Schülerseite diese Ziele erreicht wurden.« Dahergesagt in gut gelaunter Expertensprache, klingen solche Sätze kaum nach einer Sensation und ganz bestimmt nicht nach dem, was Bildungsstandards und ihre Kontrolle tatsächlich sind: zentrale Momente einer der tief greifendsten Reformen, die das Bildungssystem seit Jahrzehnten erlebt hat. So tief greifend, dass ihre Kritiker von »einem von oben verordneten Dirigismus wie zu besten Politbürozeiten« sprechen.

Kritiker warnen vor einer »Totalgleichschaltung« der Schulen

Kurz gesagt, geht es darum: Nach dem Pisa-Schock entschlossen sich die Kultusminister, für die Kernfächer einen Kompetenzkatalog einzuführen, der festlegt, was Schüler können sollen. Um diese arg theoretischen Standards unterrichtstauglich und auch messbar zu machen, brauchen die Bundesländer Testaufgaben, die den vorhandenen Leistungsstand akkurat messen und die in Vergleichsarbeiten eingesetzt werden können. Diese Aufgaben sind es, die ein Bildungsforscher wie Köller als »Instrumente« bezeichnet. Sie zu entwickeln ist die Aufgabe des IQB. Kritiker wie der Potsdamer Mathematikdidaktik-Professor Thomas Jahnke sagen, das Institut organisiere die Totalüberwachung und Totalgleichschaltung des deutschen Schulwesens, künftig werde nur gelehrt, was vergleichsarbeitstauglich sei.

Bildungspolitik
Standards setzen Standards setzen
Vor fünf Jahren haben die Kultusminister aller 16 Bundesländer einheitliche Bildungsstandards bis zur zehnten Klasse für ganz Deutschland vereinbart. Das 2004 gegründete Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen soll die Standards überprüfen und weiterentwickeln, zudem einen Pool mit Aufgaben für jedes Fach erarbeiten.

2006 hat das Institut erste Aufgabenreihen publiziert. Dabei werden jeweils erwartete Kompetenzen passenden Testfragen zugeordnet. So heißt es beispielsweise für die Klassenstufen 5 und 6 für das Kompetenzfeld K2 »Probleme mathematisch lösen«: a) Benenne und kennzeichne auf einer Zahlengeraden eine Bruchzahl, die zwischen 1/2 und 3/4 liegt. Wie hast du diese Bruchzahl ermittelt? b) Zeichne eine weitere Zahlengerade und kennzeichne darauf genau 1/2 und 1/3. Beschreibe, wie du vorgegangen bist. c) Welche Bruchzahl liegt genau in der Mitte zwischen 1/3 und 2/3? Gib eine Strategie an, wie die Bruchzahl zu finden ist, die genau in der Mitte zwischen zwei Bruchzahlen liegt.

Der Prozess der Aufgabenentwicklung, die empirische Auswertung Hunderter von Aufgaben und die endgültige Dokumentation der aus ihnen resultierenden nationalen Kompetenzfestlegungen dauerten für den Primarbereich Mathematik rund dreieinhalb Jahre und sind in diesem Sommer abgeschlossen.

Zugegeben, angesichts des Politbürovergleichs ist es nicht ohne Ironie, dass Köllers Leute vor ein paar Tagen in ein Gebäude umgezogen sind, das früher verschiedene DDR-Behörden, zeitweise sogar das Außenministerium, beherbergte: die 1840 erbaute ehemalige Tierarzneischule.

An der Fassade werkeln noch die Handwerker, drinnen herrscht ein Durcheinander von Pappkartons, Lampen und Kabelgewirr. Es könnte kein besseres Symbol geben für den rasanten Aufstieg des IQB als diesen Umzug aus einem düsteren Nazibau in »eines unserer schönsten Gebäude«, wie Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität (HU), sagt.

Das IQB, laut Deutschlands führendem Bildungsforscher Jürgen Baumert schon heute »das beste Testinstitut, das wir haben«, gehört offiziell zur HU und verschafft der Universität nicht nur zusätzliche Reputation, sondern auch einen beträchtlichen Anteil seiner Drittmittel. Die Ehre der vornehmen Adresse teilt sich das IQB nur mit zwei ähnlich exklusiven Graduiertenschulen.

Wer das Gebäude von außen sieht, kann die Vorurteile von der seelenlosen Monsterbehörde getrost weiterpflegen. Drinnen wird das schwieriger: Zwei Etagen gehören zum IQB, zwei Gänge mit Türen und Gummifußboden. 30 feste Mitarbeiter hat das Institut und bislang nur einen Professor:

Olaf Köller. Der muss angesichts der Politbürovorwürfe nur grinsen und um sich schauen. Das reicht. Wer also wissen will, wie Bildungsstandards und IQB abseits von Forscherjargon und Überwachungsszenarien funktionieren, braucht lediglich ein paar Häuser weiterzugehen ins Büro von Daniela Neumann, das sie aus Platzgründen in eine Neubauwohnung ausgelagert haben.

Auf ihrem alten Türschild stand »Aufgabenentwicklung Englisch«. Das sei aber nicht mehr aktuell, sagt sie. »Englisch haben wir erst mal hinter uns. Jetzt ist Deutsch dran.« Eigentlich ist Neumann Lehrerin in Fürth. Der Freistaat Bayern hat sie ans IQB abgeordnet.

Dass eine bayerische Beamtin an einem Berliner Uni-Institut arbeitet, hat mit der Konstruktion des IQB zu tun: Es wird finanziert durch die Bundesländer, da sie für die Bildungsstandards zuständig sind.

Darum schicken sie ihre Leute nach Berlin, in genau festgelegten Turnussen und verteilt nach CDU- und SPD-regierten Ländern. Zurzeit arbeiten hier vier Lehrer aus verschiedenen Ländern, für jeden Fachbereich einer.

Neumann ist Koordinatorin für Englisch und Deutsch. Sie steht in Kontakt mit den Dutzenden Lehrern in ganz Deutschland, die sich Testaufgaben ausdenken, und mit den Wissenschaftlern verschiedener Universitäten, die anschließend prüfen, ob sie wirklich die Fertigkeit messen, die sie messen sollen.

Erst dann übernehmen die IQB-Wissenschaftler: Köllers Doktoranden und Postdocs machen die Aufgaben passend für den Computereinsatz und testen ihren Einsatz in einer kleinen Vor- und einer großen Hauptstudie mit Tausenden von Schülern.

Neumann begleitet den »Prozess der Aufgabenentwicklung«, wie er in gutem Amtsdeutsch heißt, von Anfang bis Ende, schreibt E-Mails, organisiert Treffen, verschickt Unterlagen. Eine trockene Angelegenheit. Und noch dazu eine, die nie zu Ende ist. »Wir müssen ständig Aufgaben nachproduzieren«, sagt Neumann, deren Blick zwischen Bildschirm und dem Papierstapel auf ihrem Tisch hin- und herwandert.

Die wenig schillernde Produktion von Bildungsstandards und Testaufgaben ist es auch, die bei einigen Ministerialbeamten in den Ländern immer noch den Eindruck verursacht, beim IQB handele es sich um eine Art nachgeordneter Behörde. Ein Eindruck, dem Jürgen Baumert heftig widerspricht.

Baumert ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und IQB-Vorstandsmitglied. Er sagt: »Es gibt absolut kein Durchgriffsrecht einzelner Bundesländer auf die Arbeit des Instituts. Allein der IQB-Vorstand entscheidet über den Arbeitsplan, den Köller vorlegt.«

Mit der wissenschaftlichen Unabhängigkeit steht und fällt der Ruf des Instituts, ohne sie wäre der Vorwurf vom Top-down-Dirigismus nämlich berechtigt. Hinter den Kulissen, so hört man, wurde in den vergangenen Monaten hart gerungen. Einige Kultusminister wollten das Institut an die kurze Leine nehmen. Die Wissenschaftler stellten sich quer.

Auch Erich Thies (CDU), der Generalsekretär der KMK, soll sich massiv für die Unabhängigkeit des IQB ins Zeug gelegt haben. Nun sind die Zuständigkeiten und Rechte auf Dauer klar geregelt: Im Vorstand sind Wissenschaftler und Politiker gleichberechtigt, das Institut muss zwar auf KMK-Beschluss Auftragsstudien ausführen, doch in der Ergebnisfindung ist es vollkommen frei.

Zusätzlich sollen Köller und seine Leute Drittmittelprojekte an Land ziehen. Mittlerweile mischt das IQB unter anderem in einer Untersuchung zum Kompetenzerwerb unter Jugendlichen mit, betreibt Begleitforschung zur Implementation von Bildungsstandards, hat ein Datenzentrum für Bildungsstudien aufgebaut und nebenbei noch die nationalen Leistungsvergleichsstudien in Deutsch, Englisch, Französisch, Mathe und in den Naturwissenschaften bis mindestens 2016 übertragen bekommen.

Nicht zu vergessen die Aufgabenentwicklung zum Einbürgerungstest. Ein ambitioniertes Arbeitspensum.

Was Köller und Baumert als Ausdruck der wissenschaftlichen Stärke und Vielfalt des Instituts preisen, ist für Thomas Jahnke denn auch purer Aktionismus im Auftrag des Staates, der so ein Deckmäntelchen über das komplette Versagen der Bildungspolitiker werfen wolle.

»Die Kultusminister sagen: Schaut her, Leute, Pisa, IQB, Iglu, wir tun was gegen den Bildungsnotstand«, sagt Jahnke. »Und in Wirklichkeit testen sie vor sich hin, ohne dass sich auch nur irgendetwas ändert.«

Es müsse endlich mehr Geld in die Verbesserung der Unterrichtsqualität fließen. Zumindest an diesem Punkt gibt Olaf Köller seinem schärfsten Kritiker recht. »Vom Testen allein wird kein Schüler besser«, sagt er.

»Das ist richtig. Doch nur durch die systematische Diagnose können wir Leistungsdefizite aufdecken und so durch pädagogische Maßnahmen beseitigen. Aber keine Frage, bei der Unterrichtsentwicklung besteht ein enormer Nachholbedarf, auch finanzieller Art.«

»Wir sind erst am Anfang, und wir wachsen ordentlich«

Es scheint, als gäbe es mehrere IQBs: das kleine, unabhängige Forschungsinstitut von Köller und Baumert. Jahnkes Monster-IQB. Das Behörden-IQB der Ministerialbeamten. Und dann ist da noch das kleine, aber viel zu kleine IQB, wie Wilfried Bos es sieht, der deutsche Leiter der internationalen Grundschulstudie Iglu:

»Anstatt eine Einrichtung zur Qualitätssicherung mit einer kritischen Größe von ein paar Hundert Mitarbeitern zu schaffen, die auch im internationalen Vergleich mithalten kann, haben sich die Länder auf eine Minimalvariante geeinigt, die zwar hervorragende Arbeit leistet, aber mit den beschränkten Möglichkeiten, die ihr gegeben worden sind.«

Schuld sei der Irrglaube der Länder, um der Eigenständigkeit willen jeweils noch eigene Qualitätsinstitute unterhalten zu müssen, anstatt die Kräfte zu bündeln. Dass das IQB den Einbürgerungstest übernommen hat, findet Bos merkwürdig. »Dieser Test passt inhaltlich überhaupt nicht zu den IQB-Kernaufgaben.«

Das Problem an Bos Kritik ist: Sie stammt von einem Verfechter der empirischen Bildungsforschung und nicht von einem Pisa-Kritiker wie Jahnke, der Vergleichstests als »teure und überflüssige Testeritis« grundsätzlich ablehnt. Darum wird KMK-Generalsekretär Thies umso ungehaltener, wenn er sie hört, und Olaf Köller, bei aller Diplomatie gegenüber seinen staatlichen Geldgebern, bestätigt: »Natürlich ist das eigentlich unmöglich, all das mit einer einzigen Professur und ein paar Dutzend Mitarbeitern zu bewältigen.

Aber wir sind doch auch erst am Anfang, und wir wachsen ordentlich.« Tatsächlich haben die Kultusminister beschlossen, eine zweite Professur am IQB einzurichten und dazu die Stelle eines Geschäftsführers. Damit sei dann aber auch die Unterausstattung behoben, glaubt Jürgen Baumert. »Das IQB hat eine Koordinationsfunktion auf der gesamtstaatlichen Ebene, schlanke Strukturen sind da von Vorteil.«

Der Platz dürfte bald noch knapper werden: Nach den Bildungsstandards zum Haupt- und mittleren Schulabschluss steht demnächst die Entwicklung von Abi-Standards auf dem Programm. Noch fehlt die Finanzierung, wenn die gesichert ist, bedeutet das erneut mehr Leute. »Als Nächstes bauen sie für uns den Dachstuhl aus«, sagt Olaf Köller. »Das reicht erst mal für eine Weile.«