07.03.2008 - USA: Arroganz der Macht
07.03.2008, ZEIT
Die Arroganz der Macht
Stephen Kinzer erzählt meisterlich die traurige Geschichte amerikanischer Interventionen Von Thomas Speckmann
Wen haben sie nicht schon alles gestürzt? Vierzehn Mal haben sie es bisher getan. Aus ideologischen, aus politischen, aus ökonomischen Gründen.
1893 fing es an. Die Amerikaner wechselten das Regime auf Hawaii aus. 1898 folgte Kuba, Puerto Rico und die Philippinen, 1909 Nicaragua, 1911 Honduras, 1953 Iran, 1954 Guatemala, 1963 Südvietnam, 1973 Chile, 1983 Grenada, 1989 Panama, 2001 Afghanistan und schließlich 2003 Irak.
All diese Fälle hat Pulitzerpreisträger Stephen Kinzer akribisch aufgelistet. Denn er weiß, wovon er spricht: Aus mehr als vierzig Ländern in vier Kontinenten hat er als Korrespondent berichtet, unter anderem für den Boston Globe aus Lateinamerika und als Leiter der Auslandsbüros der New York Times in der Türkei, in Deutschland und Nicaragua.
Kinzer unterteilt seine Geschichte amerikanischer Umstürze in anderen Ländern in drei Phasen: Die erste bezeichnet er als imperialistisch, da in ihr die Vereinigten Staaten fremde Regime mehr oder weniger offen beseitigten. So versuchte keiner der Männer, die am Sturz der Monarchie auf Hawaii beteiligt waren, dies zu verheimlichen.
Der spanisch-amerikanische Krieg wurde vor den Augen der Weltöffentlichkeit ausgetragen. Und aus der Absicht, die Regierungen von Nicaragua und Honduras zu stürzen, machte Präsident William Howard Taft keinen Hehl. Die Männer, die diese Operationen leiteten, erklärten zwar nicht offen, warum sie dies taten, aber sie übernahmen die Verantwortung für das, was sie taten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die weltpolitische Lage für die Amerikaner komplizierter.
Mit der Sowjetunion gab es erstmals eine Macht, die der amerikanischen Handlungsfreiheit Schranken setzte. Washington konnte nicht mehr einfach verlangen, dass feindlich gesinnte Staatsoberhäupter die amerikanische Vormachtstellung akzeptierten und abtraten.
Auch konnte das Weiße Haus keine Landetruppen mehr an ferne Gestade schicken, ohne sich Gedanken über die Folgen machen zu müssen.
Denn mit jeder direkten Einmischung beschworen die Vereinigten Staaten eine sowjetische Reaktion herauf, die zur Katastrophe hätte führen können. Daher begannen die USA, eine subtilere Technik zum Sturz fremder Regierungen zu entwickeln: den heimlichen Staatsstreich.
Da bei den Interventionen im Iran, in Guatemala, in Südvietnam und in Chile amerikanische Diplomaten und Geheimagenten als Akteure an die Stelle der Militärs traten, bezeichnet Kinzer den Kalten Krieg auch als Phase der verdeckten Aktionen.
Als die Methode des heimlichen Staatsstreichs überflüssig wurde
Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts fiel es den Amerikanern nicht mehr so leicht, Staatsstreiche zu inszenieren, weil die politischen Führer in anderen Ländern gelernt hatten, solchen Operationen zu begegnen.
Die Methode des heimlichen Staatsstreichs war aber auch aus einem anderen Grund überflüssig geworden: Der Niedergang und Zusammenbruch der Sowjetunion bedeuteten, dass die Vereinigten Staaten militärisch auf niemanden mehr Rücksicht nehmen zu müssen glaubten.
Sie sahen sich frei, zu der gewohnten Methode zurückkehren zu können: der Entsendung von Landetruppen an fremde Küsten.
Nach Kinzer befindet sich sein Heimatland gegenwärtig in der Phase der Invasionen.
Grenada und Panama, die beiden kleinen Länder, in denen die USA in den achtziger Jahren einmarschierten, liegen in der Region, die Washington als seine Einflusszone betrachtet.
Und beide Nationen waren bereits im Aufruhr, als die amerikanischen Truppen landeten. Die späteren Invasionen in Afghanistan und im Irak waren hingegen weit umfangreichere Operationen mit einer entschieden größeren historischen Bedeutung.
Viele Amerikaner unterstützten den Militäreinsatz am Hindukusch, weil er ihnen als angemessene Reaktion auf den von dort ausgehenden Terrorismus erschien.
Eine kleinere, aber immer noch gewichtige Zahl von Amerikanern stimmte auch dem Feldzug im Irak zu, da sie glaubten, das Land stelle eine unmittelbare Gefahr für den Weltfrieden dar.
Infolge der Invasionen befinden sich beide Regionen gegenwärtig in heftigem Aufruhr.
Kinzers Fazit fällt schonungslos offen aus: Die meisten »Regimewechsel-Operationen« haben kurzfristig ihren Zweck erfüllt.
Bevor beispielsweise die CIA 1954 die Regierung von Guatemala aus dem Amt jagte, konnte die amerikanische United Fruit Company in diesem Land nicht nach Belieben agieren.
Danach konnte sie es.
Zugleich zeigt sich in Kinzers historischer Perspektive eindeutig, dass die meisten dieser amerikanischen Operationen die Sicherheit der Vereinigten Staaten langfristig eher vermindert als gestärkt haben.
Denn Generationen von Widerstandskämpfern, erfüllt von einem tiefen Antiamerikanismus, sind aus ihnen hervorgegangen.
Amerikas Interventionen haben zur Ausdehnung eben der Sphäre geführt, zu deren Verteidigung sich die USA verpflichtet fühlen, und damit die Schar ihrer Feinde vergrößert und sie immer tiefer in das Netz ihres Auslandsengagements verstrickt.
Und indem diese Operationen beweisen, dass die Vereinigten Staaten trotz ihrer einschüchternden Macht Schwachstellen haben und verwundbar sind, haben sie zu guter Letzt auch noch ihren Feinden Mut gemacht.
So hat Washington nicht nur ganze Weltregionen in Aufruhr versetzt, sondern auch Unruheherde geschaffen, denen Jahre später neue Gefahren entsprungen sind.
Hätte ein Europäer dieses Buch geschrieben, wäre gewiss der Vorwurf des Antiamerikanismus laut geworden. Da es sich bei seinem Autor jedoch um einen der renommiertesten Reporter des amerikanischen Journalismus handelt, werden derlei Stimmen nur schwer aufkommen.
Denn dafür widmet sich dieses erschütternde Buch einem zu ernsten, einem todernsten Thema: der Hybris von Macht, wie sie auch den Europäern in ihrer Geschichte nicht fremd ist.
Stephen Kinzer: Putsch!
Zur Geschichte des amerikanischen Imperialismus; Eichborn Verlag, 2007; 563 S., 32 €
