"Karriere"
23.09.05, Abendblatt
Poggendorf - Karriere eines ehrgeizigen Tierschützers
Wolfgang Poggendorf (68), einst Inhaber eines Haushaltswarengeschäfts und seit 1995 ununterbrochen Geschäftsführer des Hamburger Tierschutzvereins (HTV), gibt offen zu, ein Machtmensch zu sein. Das hat ihn 1991 schon einmal seinen Job beim Tierschutzverein gekostet. Doch vier Jahre später kehrte er zurück. Eine Chronik.
September 1989: Während der Jahreshauptversammlung im SAS-Plaza Hotel wird Poggendorf den Mitgliedern vom Vorstand als Geschäftsführer vorgestellt. Er ist zu dem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr für den Verein tätig.
1991: Verein und Geschäftsführer trennen sich offiziell in gegenseitigem Einvernehmen. Tatsächlich soll Poggendorf jedoch ständig versucht haben, die Vorstandsmitglieder gegeneinander auszuspielen, seinen Posten deswegen verloren haben.
September 1995: Während eines Kurzurlaubs der ersten Vorsitzenden Susanne Kubiak unterschreibt der übrige Vorstand einen Arbeitsvertrag, der Poggendorf wieder zum Geschäftsführer macht. Der erst im Juli eingestellte Betriebsleiter des Tierheimes, Thomas Balosch, wird wieder entlassen. Susanne Kubiak tritt zurück. Zuvor hatte schon Schwanenvater Harald Nieß das Handtuch wegen ständiger Querelen im Vorstand geworfen.
November 1999: Der als Poggendorf-Vertrauter geltende Klaus Nahrstedt wird zum ersten Vorsitzenden gewählt, obwohl er dem Verein noch keine drei Jahre angehört, wie es die Satzung vorschreibt. Nahrstedt tritt kaum öffentlich auf. Dagegen gewinnt Poggendorf immer mehr an Macht. Es gelingt ihm, durchzusetzen, daß der Geschäftsführer automatisch Mitglied im Vorstand des HTV ist.
Dezember 2003: Poggendorf handelt einen Zuschuß der Stadt von jährlich 1,1 Millionen Euro für das Tierheim aus. Hauptargument: Die Zahl der aufgenommenen Hunde ist seit Erlaß der neuen Hundeverordnung im Jahr 2000 dramatisch gestiegen.
September 2005: Der Rahlstedter Tierarzt Dirk Schrader erstattet Strafanzeige. Er hatte 15 Hunde aus dem Tierheim eingeschläfert - auf Grund falscher Gutachten, wie er glaubt. Ein paar Tage später folgt eine weitere Anzeige. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.
22.09.2005, Mopo
Wann treten Sie zurück, Herr Poggendorf?
Alle paar Wochen neue heftige Kritik am Tierheim-Chef: Von Tierquälerei über Hausfriedensbruch bis hin zu Geldschneiderei reicht die Palette der Vorwürfe.
Zur Person: Sein forsches, machtbewusstes, manchmal selbstgerechtes Auftreten gefällt vielen nicht. Aber wer im Hamburger Tierschutzverein hätte schon die Macht, Wolfgang Poggendorf zu stürzen? Er selbst zieht die Fäden. Keine Entscheidung wird ohne ihn getroffen. Poggendorf begann seine Karriere mit dem Verkauf von Porzellan, machte sich 1966 selbstständig. 1998 übernahm er den Geschäftsführerposten beim Tierschutzverein und verdient schätzungsweise 6.000 Euro im Monat. – nicht schlecht für einen gemeinnützigen Verein. Im September erhielt Poggendorf die Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes.
Kaum ein Monat vergeht, ohne einen neuen schlimmen Vorwurf gegen ihn. "Tierheim-Chef Poggendorf ein Betrüger?", "Tierquälerei im Tierheim?", "Erpressung? Der dubiose Deal des Tierheim-Chefs". So die Schlagzeilen. Der 67-Jährige aber spielt das arme Opfer: "Das macht alles keinen Spaß mehr", sagte er jetzt im Gespräch mit der Mopo. Rücktrittsforderungen weist er aber von sich: "Ich werde mit Scheiße beschmissen."
Ein ganz anderer Vorwurf: Die Selbst-Herrlichkeit Poggendorfs. Mit Journalisten im Schlepptau drang er in Neugraben-Fischbek in einen Pferdehof ein, weil die Rosse dort angeblich gequält werden. Ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz liege nicht vor, sagte Bezirksamtsleiter Torsten Meinberg später und sprach von einer "übertriebenen Aktion". Ging es Poggendorf um Tierschutz – oder wollte er nur in die Zeitung? "Wir haben inzwischen drei Gutachten, die unsere Sicht bestätigen", widerspricht Poggendorf. Wieso er Hausfriedensbruch begangen haben soll, versteht er nicht. "Wenn alle Türen offen stehen und da kein Schild ist "Betreten verboten" darf ich doch da reingehen", so glaubt er.
Und dann auch noch dieser Vorwurf: Dass Poggendorf Geld wichtiger ist als Tierschutz. So beklagen sich häufig Bürger, dass sie zur Kasse gebeten werden, nur weil sie ein Fundtier abgeben wollen. Poggendorf widerspricht: "Von wegen Fundtier! Meistens sind es die eigenen Tiere, die sie kostenlos entsorgen wollen." Um das zu beweisen und um Geld abschöpfen zu können, werden regelrecht Geheimdienst-Methoden angewandt. Ein sogenannter Tierschutz-Inspektor fotografiert das "Fundtier", fährt mit dem Foto zu der genannten Adresse des "Finders" und fragt in der Nachbarschaft herum. Ist das Tier dort bekannt, kommt die dicke Rechnung.
22.09.2005, Bild
Der König und sein Tier-Reich
Warum gehen plötzlich alle auf Tierheim-Chef Poggendorf los? BILD beleuchtet den angeblichen Skandal
Fast lautlos gleitet die silberne Limousine die Tiefgaragenrampe hoch ins Tageslicht. Zarte Sonnenstrahlen blitzen auf dem Metalliclack des neuen CLS-Mercedes (Preis an 55.000 Euro). Am Steuer des Zweitonners sitzt Tierheim-Chef Wolfgang Poggendorf (68).
Er ist auf dem Weg in die Süderstraße. Auch da verschwindet der schicke Wagen gleich in einer extra-Garage mit Bürozugang..
Tierheim-Besucher und Vereinsmitglieder könnten bei soviel Luxus auf falsche Gedanken kommen...
Poggendorf ist seit zehn Jahren Geschäftsführer des 164 Jahre alten Vereins (HTV), dazu Vorstandsbeisitzer., Landeschef des Deutschen Tierschutzbundes und 1. Vorsitzender des Tierschutzbeirates der Freien und Hansestadt Hamburg.
"Das Haustier darf nicht das erste Opfer der Verarmung des Menschen werden", so der gelernte Einzelhandelskaufmann. "Wenn die Leute weniger Geld haben, gibt es auch weniger Spenden für die Tierschutzvereine."
Der König der Tiere hat viele Neider und Kritiker. Sie verstehen z.B. nicht, dass er gerne Markenuhren trägt, mit vergoldetem Montblanc-Kuli unterschreibt, auf edlen, rahmengenähten Lederschuhen durch sein Reich schreitet.
Poggendorf und dem Unternehmen geht es eben gut.
Das der redegewante Chef des gemeinnützigen, steuerbefreiten und spendenabhängigen Vereins seit sieben Jahren mit einem Gehalt von "deutlich unter 6.000 Euro" zufrieden ist, macht einige Tierschützer stutzig.
"Ich war als Kaufmann erfolgreich, habe eine gute Altersversorgung. Niemand sonst würde für das Geld diesen Job machen", so Wolfgang Poggendorf auf Anfrage zu BILD.
"Wer nicht kuscht, der fliegt", erzählt eine ehemalige Mitarbeiterin. Treue und Gehorsam hingegen werden belohnt.
Ein dem Verein vererbter Resthof wurde einem Tierpfleger für 17.000 Euro verkauft. Er musste sich verpflichten, Huf- und Klauentiere des HTV kostenfrei unterzubringen. Der Mitarbeiter ist Betriebsratsvorsitzender.
Handwerker, die Aufträge im Tierheim ausführen, müssen vorher Vereinsmitglieder werden. Sie bekommen auch Aufträge in der Wohnanlage, in der Poggendorf eine Eigentumswohnung besitzt. "Zu marktüblichen Preisen", wie der Tierheim-Chef betont.
Die Verwaltung des gepflegten Gebäudes besorgt die Immobilienbetreuungs-GmbH, bei der früher der 1.Vorsitzende des HTV und Poggendorf-Freund Friedrich Nahrstedt (66) arbeitete. Der 1. Rechnungsprüfer des Tierheims wohnt im Nebenhaus, der Steuerberater hat sein Büro auf der anderen Straßenseite.
"Ich bin stolz darauf, dass der Tierschutzverein so reich ist", soll Po einem Tierarzt anvertraut haben. Dank des Spendenflusses mauserte sich das Tierheim zu einem der modernsten Tierschutzzentren Europas. Die Intensivstation bietet "einen der modernsten und leistungsfähigsten tiermedizinischen OP-Bereiche des Landes", heißt es auf der Internetseite des HTV.
Poggendorfs Drähte ins Rathaus sind gut. Einige Politiker nennt er seine Freunde. Seit September 2003 zahlt die Stadt jährlich 1,1 Millionen Euro an das Tierheim in der Süderstraße. Poggendorf handelte den 3-Jahres-Vertrag mit der Gesundheitsbehörde aus. Die Jahre zuvor war er jeweils mit einem Viertel der Summe ausgekommen.
Laut Behördensprecher Hartmut Stienen kontrolliert das Bezirksamt Mitte, ob dabei auch alles mit rechten Dingen zugeht: "Mittelverwendungsnachweise gehen an die Gesundheitsbehörde." Beanstandungen habe es noch nie gegeben.
Fakt ist: Die Stadt braucht ein Tierheim. "Sonst müssten wir ein eigenes bauen", so Stienen. "Und das ist nicht zu finanzieren."
